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Symposium zu Neonicotinoiden: Experten diskutierten neueste Ergebnisse

Download der Ergebnisse des Symposiums
Download Protokoll von Walter Haefeker im IT-Magazin
Präsentationen zum Anschauen und Herunterladen finden Sie am Ende dieser Seite.

Rund 90 Experten aus Wissenschaft, Naturschutz- und Imkerverbänden sowie der Pflanzenschutzmittelindustrie gingen am 16. und 17. September beim ökologischen Imkerverband Mellifera e. V. in Rosenfeld der Frage auf den Grund, wie gefährlich Pflanzenschutzmittel aus der Gruppe der Neonicotinoide für Honigbienen und andere Bestäuberinsekten sind. Unter den Teilnehmern waren auch hochrangige Vertreter aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium und dem Bundesumweltministerium sowie Mitarbeiter der Insektizidhersteller, die ihre Produkte verteidigten. Ihrer Meinung nach ist das ab Dezember geltende, europaweite Verbot von drei dieser Mittel nicht gerechtfertigt, weil die im Januar veröffentlichte Warnung der Europäischen Behörde für Nahrungsmittelsicherheit (EFSA) vor diesen Agrargiften auf einer fehlerhaften Studie beruhe. Zwei der Firmen, Syngenta und Bayer, haben deshalb gegen das Verbot Klage eingereicht.
Volles Haus beim Neonicotinoide-Symposium in Rosenfeld

Nach der Begrüßung durch Mellifera-Vorstand Thomas Radetzki und Thomas Berrer vom baden-württembergischen Landwirtschafts-
ministerium, das die Veranstaltung unterstützte, präsentierten sieben Wissenschaftler aus Deutschland und Frankreich ihre neuesten Forschungs-
ergebnisse. Danach haben Bienen durch Neonicotinoide Schwierigkeiten, in den heimischen Stock zurückzufinden. Das könne ein Bienenvolk innerhalb weniger Wochen erheblich schwächen, so die Forscher. Hinzu komme, dass auch die Kommunikation der zurückkehrenden Bienen gestört sei, z. B. der Schwänzeltanz, der den anderen Bienen anzeigt, wo eine Futterquelle zu finden ist. Das Bienenvolk als ein Superorganismus sei eigentlich robust. Doch wenn es zu viele Belastungen gebe, breche es wegen einer vermeintlich geringen Ursache plötzlich zusammen. Deshalb sei es wichtig, Belastungen so weit wie möglich zu vermeiden. Dies umso mehr, als es nicht nur um Bienen gehe, sondern um das Ökosystem als Ganzes.
Die Referenten des Symposiums (v. l.): Dr. Mickaël Henry, Johannes Fischer, Prof. Bernd Grünewald, Prof. Randolf Menzel, Dr. Gabriela Bischoff, Dr. Peter Rosenkranz, Thomas Radetzki und Walter Haefeker. Uwe Greggers fehlt auf dem Bild.

Der Neurobiologe Prof. Randolf Menzel, der die Tagung gemeinsam mit Thomas Radetzki moderierte, stellte in seinem Eröffnungsvortrag fest, dass die Vielfalt der Arten von blütenbesuchenden Insekten und von Pflanzen in den letzten 60 Jahren gravierend abgenommen habe. Ein wichtige Ursache dafür seien Pestizide. Neonicotinoide seien als Kontaktgifte problematisch, wie das große Bienensterben am Oberrhein vor einigen Jahren gezeigt habe, aber auch als Fraßgifte. Das bedeute, dass sie auf alle Insekten wirken, die Substanzen von der behandelten Pflanze aufnehmen.

Den Einwänden der Industrievertreter, Neonicotinoide seien seit etlichen Jahren auf dem Markt und vorher gründlich untersucht worden, hielt Walter Haefeker, Präsident des Europäischen Berufs- und Erwerbsimkerbundes, entgegen, dass es nachweislich zu Problemen gekommen sei, die von den Zulassungstests überhaupt nicht erfasst worden seien. Auch die von der chemischen Industrie gern vertretene These, die Hauptursache für das Bienensterben sei der Schädling Varroamilbe, ließ Haefeker nicht gelten: „Hummeln haben keine Varroamilbe und keine vermeintlich inkompetenten Imker und sterben trotzdem“. Sein Fazit: Pestizide könnten kein solides landwirtschaftliches Fachwissen ersetzen. Und in einer bienenfeindlichen Agrarlandschaft blieben nur zwei Optionen: Wanderimker oder Wanderarbeiter, die selber Blüten bestäuben. Deshalb müsse sich die Landwirtschaft von Grund auf ändern, damit der Einsatz solcher Mittel weitestgehend überflüssig werde.

Der Leiter der Landesanstalt für Bienenkunde in Hohenheim, Dr. Peter Rosenkranz, erklärte, zwischen Pflanzenschutz und Imkerei gebe es seit mehr als hundert Jahren einen Konflikt, der sich mit der Intensivierung der Landwirtschaft oder durch neue Wirkstoffe verschärfe. Die Beurteilung sei nicht immer leicht, weil Untersuchungen häufig an einzelnen Bienen im Labor durchgeführt würden. Dr. Mickaël Henry vom nationalen französischen Agrarinstitut in Avignon stellte dagegen eine Methode vor, bei der Bienen mit einem Chip ausgestattet werden und so auch im freien Feld identifizierbar sind. Auch der von Uwe Greggers vom biologischen Institut der Universität Berlin entwickelte Weg, die Gesundheit von Bienenvölkern anhand elektromagnetischer Wellen zu beurteilen, ist ein erfolgversprechender Ansatz, um die tatsächliche Belastung der Bienen durch Pestizide zu beurteilen. Vieles davon hängt jedoch, auch das wurde deutlich, von einer möglichst unabhängigen Finanzierung der Forschung ab.

In der Schlussdiskussion forderte die Mehrheit der Teilnehmer eine Überprüfung von Alternativen zur Anwendung von Neonicotinoiden. Außerdem müsse eine öffentliche Diskussion über die Agrarethik geführt werden. Dabei müssten auch Landwirte einbezogen werden.

Vortrag Prof. Dr. Dr. h.c. Menzel - Freie Universität Berlin
Vortrag Dipl.-Ing. Uwe Greggers - Freie Universität Berlin
Vortrag Dr. Gabriela Bischoff - Julius-Kühn-Institut Berlin
Vortrag Mikael Henry - Inra Avignon, FR
Vortrag Walter Haefeker - Deutscher Berufs- und Erwerbsimkerbund e. V.

26.09.2013

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